3 Weltkrieg, Erster: Kriegsziele und Friedensbemühungen


Weltkrieg, Erster: Kriegsziele und Friedensbemühungen

Weltkrieg, Erster: Kriegsziele und Friedensbemühungen
 
Alle Staaten gingen in den Ersten Weltkrieg mit reinem Gewissen, weil man angeblich einen Verteidigungskrieg führte. Die Soldaten rückten ein und hielten durch zur »Rettung des Vaterlandes«. So lieferte der deutsche Kaiser Wilhelm II. mit der Parole: »Uns treibt nicht Eroberungslust« seinem Land die gängige Formel. Doch die Zweideutigkeit dieser Aussage war typisch. Ein, wie man meinte, dem Land aufgezwungener Existenzkampf musste, ja sollte nicht mit dem Status quo ante enden. Nur wenige weitsichtige Politiker kamen rasch zu der Einsicht, dass eine Selbstbehauptung im Krieg schon ein hinnehmbares Ergebnis darstelle; für diesen Fall sprach man schon von einer Stärkung des Landes. Durchsetzen sollten sie sich mit entsprechen- den Friedensbemühungen auch nach dem August 1914 erneut nicht. Der Trend lief in die konträre Richtung: Vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass sich alle fünf europäischen Großmächte zutiefst gefährdet sahen, wollten diese durch den einmal entfachten Großmächtekrieg für das jeweils eigene Land mehr Sicherheit und mehr Perspektiven. Dies aber hieß: Annexionen, Trabantenstaaten, neue Kolonien und verbesserte Chancen für Wirtschaft und Handel.
 
 Vom europäischen Krieg zum Weltkrieg
 
Im Krieg entstanden somit aus dem Denken in der Julikrise ohne große Umschweife ausufernde Kriegsziele bei allen Mächten. Wilhelms II. Worte implizierten dann auch, dass die anderen Mächte selbst Schuld hätten, wenn sie nun mit Annexionsforderungen konfrontiert würden. Die alternativlose Gewalt- und Machtpolitik der Großmächte 1914 brachte nahtlos deren Gewalt- und Machtpolitik im Krieg hervor. Vermeintliches »Kriegsglück« trieb die Forderungen hoch, Rückschläge und bedrängte Lagen produzierten »bescheidene« Forderungen, die die Feindstaaten aber gleichwohl alarmierten, da diese die Lage ja schon vorher als unerträglich eingestuft hatten. Bald sollten außerdem die Verluste an Menschen und Material ins Unermessliche steigen, und je höher sie wurden, desto lauter musste auch der Ruf nach Bestrafung, nach Reparationen und Ausplünderung des Gegners werden. Eine Rückkehr während des gigantischen Krieges zu der zuvor schon minimalisierten Solidarität der Mächte war schwer vorstellbar. Dies galt umso mehr, als sich der europäische Krieg rasch zum Weltkrieg ausweitete. Noch 1914 erklärte Japan dem Deutschen Reich den Krieg, und das Osmanische Reich sowie im Folgejahr auch Bulgarien traten an die Seite der sich nun Mittelmächte nennenden Zweibundpartner. 1915 griff Italien gegen Österreich zu den Waffen, 1916 trat Rumänien an die Seite der nun als Alliierte firmierenden Entente, 1917 folgte ihm Griechenland. Doch schon zuvor, am 6. April 1917 waren — kriegsentscheidend — die USA definitiv militärisch als politisch »Assoziierte« an die Seite der Alliierten gerückt. Die kleineren Mächte wurden mit territorialen Versprechungen ausgestattet, und insgesamt weiteten sich die Kriegsziele massiv aus.
 
Ohne militärischen Erfolg — Das Habsburgerreich
 
Der folgende Überblick über das Verhalten der einzelnen Mächte beginnt mit der Habsburgermonarchie, die kein Kriegsglück und damit kaum Gelegenheit hatte, ausufernde Kriegszielpläne zu schmieden. Gleich anfangs stand man knapp vor der Vernichtung durch russische Truppen, wurde 1915 durch deutsche Armeen gerettet, doch das anschließende Vorschieben der Ostfront der Mittelmächte führte zur Abhängigkeit vom Deutschen Reich. Der Prozess der Zerstörung des Staates, der sich im Juni 1918 stark beschleunigte, konnte dadurch nicht aufgehalten werden. Von diesem Zeitpunkt an durften die Nationalitäten Österreichs, jetzt schon vertraglich gestützt auf die Alliierten, auf Eigenständigkeit hoffen. Zudem drohten Österreich gegenüber Italien massive Gebietsamputationen, da die Alliierten Italien bei Kriegseintritt mit Hoffnungen auf die Brennergrenze und territoriale Gewinne auch im Raum Triest und Dalmatien geködert hatten. Hoffen durfte die Habsburgermonarchie eigentlich nur auf eine Erweiterung Österreichisch-Polens auf Kosten Russlands. Doch hier spielte das mächtigere Deutsche Reich wegen eigener Polenambitionen nicht mit. Zudem wollten die österreichischen Slawen, die lange Zeit erstaunlich loyale Truppenkontingente stellten, im Staat neben Deutschen und Ungarn mehr Selbstständigkeit erreichen, nicht aber weitere unterdrückte Volksgenossen eingegliedert sehen. Auch erschien ihnen ein Vasallentum Österreichs gegenüber Deutschland unerträglich. In letzter Minute, im März 1917, streckte der neue österreichische Kaiser Karl I. in der »Sixtus-Affäre« den bekanntesten Friedensfühler des Ersten Weltkriegs überhaupt aus: Österreich zeigte sich friedensbereit, wollte auf Österreichisch-Polen zugunsten Deutschlands verzichten, wodurch dieses zur Preisgabe Elsass-Lothringens bewegt werden sollte. Auf diese Weise sollte auch das Deutsche Reich zu allgemeinen Friedensverhandlungen umgestimmt werden. Der Vorstoß scheiterte aber schon daran, dass Frankreich mehr als nur Elsass-Lothringen wollte und Italien zu keinen Abstrichen an seinem Maximalprogramm bereit war.
 
Den vermeintlichen Sieg vor Augen — Deutschland im Annexionsfieber
 
Griff Deutschland nach der Weltmacht? Eine populäre These des Historikers Fritz Fischer behauptet dies. Richtig daran ist, dass sich im Ersten Weltkrieg tatsächlich jene Abgründe auftaten, in die der NS-Staat später hineinsteuerte. 1914 bis 1918 herrschten jedoch andere Dimensionen. Deutschlands Plan eines doppelten Blitzkrieges scheiterte umgehend in der Marneschlacht. Doch viele Deutsche blieben Illusionisten, allen voran die enthemmten »Siegfriedensapostel« der 1916 eingesetzten 3. Obersten Heeresleitung (OHL) unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Die chauvinistische Presse, die die politischen und militärischen Positionen des Großadmirals Tirpitz vertrat, streute ungeachtet eines in allen Staaten bis 1917 geltenden Verbots, öffentlich über Kriegsziele zu diskutieren, neue Begehrlichkeiten auch unter das Volk, und selbst Politiker wie die später ganz anders auftretenden Gustav Stresemann und Matthias Erzberger sowie Intellektuelle und Persönlichkeiten aus dem Bereich Wirtschaft —Handel —Banken hatten teil an der chauvinistischen »Kriegszielbewegung«.
 
Ausgangspunkt dafür war allenthalben der Frust darüber, dass Deutschland stets Sorgen vor einem Zweifrontenkrieg gehabt hatte und in der Weltpolitik mit einer Nebenrolle bedacht war. Beides sollte mit einem Schlag geändert werden. Je nach Feindbild oder Kriegslage sollte die Basis Deutschlands gegenüber Russland nach Osten, gegenüber Frankreich und Belgien nach Westen oder gegenüber Großbritannien in der Weltpolitik verbreitert werden. Zumeist lagen Mixturen all jener Begehrlichkeiten vor, die aus dem Sicherheitssyndrom entstanden waren, und die Alldeutschen als Vorläufer der Nationalsozialisten addierten schlicht alle erdenklichen Kriegsziele. Akzente setzten auch die Unmöglichkeit, den Kampf im Westen zu gewinnen, der sich abzeichnende Zusammenbruch des russischen Imperiums und das erwachende politische Bewusstsein der Nationalitäten im Osten. Das Resultat waren Perspektiven, die am Anfang des Krieges kaum denkbar gewesen waren. Schon ein summarischer Überblick über die Kriegsziele macht schwindlig. Im Osten blieb man nicht beim Gedanken, einen polnischen »Grenzstreifen« zu erwerben und Polen und die baltischen Provinzen zu Protektoraten umzuformen. In extremen Fantasien wurde die Grenze über den Kaukasus, Kleinasien und Persien hinaus an Indien heran vorgeschoben. Bei antisemitischen Tönen war von einem »deutschen Kulturland« auf den Trümmern des Russischen Reichs mit deutschen Kolonisten und einem Transfer von Arbeitskräften die Rede. Der Kaiser selbst hatte die Idee, die Bevölkerung annektierter Gebiete auszusiedeln. Im Westen sollte neben einer Annexion Belgiens, die den Zugang zur Kanalküste brachte, Frankreich amputiert und ohne Eisen- und Kohlereserven auch als Konkurrent ausgeschaltet werden. Koloniale Ambitionen waren auf Mittelafrika zentriert, doch extreme Pläne zielten geradezu auf eine Beerbung Großbritanniens als führender Weltmacht.
 
Bemühungen um einen Ausgleichsfrieden scheitern
 
Solche Projekte stellten jedoch nur die eine Seite der Medaille dar. Der deutsche Reichskanzler gehörte nämlich zu den wenigen in Europa, die — die Aussichtslosigkeit eines Siegfriedens vor Augen — einen Remis- oder Ausgleichsfrieden ansteuerten. Die Selbstbehauptung Deutschlands im Krieg oder möglichst eine moderate Stärkung seiner Position waren bald Bethmann Hollwegs Ziele. Sein ständiges Suchen nach Ansatzpunkten zum Frieden kulminierte in einem in diesem Krieg einzigartigen öffentlichen Friedensangebot vom Dezember 1916, wobei er auf amerikanische Rückendeckung hoffte. Die Alliierten waren mit einem Remisfrieden jedoch nicht zufrieden, und im Innern arbeitete die 3. Oberste Heeresleitung auf ein Scheitern des als »Flaumacher« verketzerten Reichskanzlers hin, der zudem angesichts der unklaren Führungsverhältnisse im Reich und der wütenden Kriegszielbewegung seine wahren Absichten fast durchgängig hinter vagen Formeln versteckten musste. Als der Reichstag sich im Juli 1917 zu einer neuerlichen spektakulären Friedensresolution aufraffte, war Bethmann Hollweg zwischen den Fronten gescheitert, die zwischen Befürwortern eines Siegfriedens bzw. eines Ausgleichsfriedens bestanden. Das Kernziel des Kanzlers war eine mitteleuropäische Zollunion, die letztlich einen Verbund Deutschlands mit Österreich, Belgien und Polen darstellen sollte. Wirtschaftlich machte dieser Plan für das exportorientierte Deutsche Reich wenig Sinn, doch sollten diese Staaten auf diese Weise an das Reich gebunden werden, wodurch die nicht oder allenfalls in kleinem Umfang realisierbaren Annexionen ersetzt werden sollten. Mit den deutschen Osterfolgen dachte der Reichskanzler an einen gänzlichen Annexionsverzicht im Westen und ein Vorschieben des deutschen Einflussbereichs im Osten, behielt aber auch hier einen Verzicht im Auge, wenn Russland zu einem Separatfrieden zu bewegen sein sollte. Nach Bethmann Hollwegs Sturz am 13. Juli 1917 und während der finalen Siegfriedensbemühungen der 3. Obersten Heeresleitung setzte diese dann im Frieden von Brest-Litowsk, der am 3. März 1918 von den Mittelmächten dem neuen Sowjetrussland diktiert wurde, andere Maßstäbe. Aus dem zerstörten Zarenreich wurden Polen, Finnland, die baltischen Provinzen und selbst die Ukraine als deutsche Protektorate herausgeschnitten, und ein autarker Bereich von der Ukraine bis Belgien sollte das Grundelement der angestrebten Friedensordnung darstellen. Maßvollere Kräfte in Deutschland sahen das anders. Sie akzeptierten Brest-Litowsk lediglich als Basis, um den Krieg im Westen doch noch gewinnen zu können oder als Fundus für Kompensationen bei allgemeinen Friedensverhandlungen.
 
»Nehmt Mainz, nehmt Koblenz« — Die alliierten Kriegsziele
 
Die Alliierten zeigten sich nicht maßvoller. Russland verlor schon im August 1914 bei Tannenberg seine komplette Narewarmee, im folgenden Jahr war das Land bis zu einer Linie von Rumänien bis Riga besetzt, und eine positive kriegsentscheidende Wende des Krieges kam nie in Sicht. In einer Todesmühle bluteten neben dem russischen Volk vor allem die anderen Nationalitäten des russischen Imperiums. Sein autokratisches System leistete nicht nur hinsichtlich seiner völlig unzureichenden Kriegsvorbereitungen den Offenbarungseid, die unfähige politische und militärische Führung sorgte unfreiwillig konsequent für ihr eigenes Ende und steuerte das Volk bei miserabler Versorgungslage in dumpfes Elend, Apathie, Chaos und Friedenssehnsucht. Am Ende standen 1917 Februar- und Oktoberrevolution mit der Herrschaft der Bolschewiki unter Wladimir Iljitsch Lenin. Ungeachtet dieser Katastrophe gab es anhaltende Kriegszielobsessionen, die den aggressiven Grundtenor der russischen Politik in der Julikrise widerspiegelten. Diese steigerten sich in der Agonie des Zarenreiches 1917 sogar weiter, weil die Westmächte zu allem rieten, was den wankenden Partner bei der Stange halten würde. Als 1915 für einige Wochen Galizien erobert war, nahm Zar Nikolaus II. höchstpersönlich das Land in seinen Besitz und tönte von einem unteilbaren Russland bis zu den Karpaten. Eine anhaltendere nationale Begeisterung entfachte nur der Krieg gegen das Osmanische Reich, mit dem sich Russland mit der Wiedererrichtung des orthodoxen Kreuzes auf der Hagia Sophia einen Jahrhunderte alten Traum erfüllen wollte. Die Eroberung der bedeutenden Metropole Konstantinopel wäre auch als Zugabe zu einem Gewinn der Meerengen ein lohnendes Ziel gewesen, und neben dem Zugang zum Meer lockte die Vorherrschaft über die Balkanstaaten. Im Frühjahr 1915 stimmte Großbritannien den russischen Plänen bereitwillig zu, denn es wollte den russischen Partner hiermit sowie mit einer Westverschiebung Russlands auf Kosten Deutschlands fest an sich binden und seinen kolonialen Besitz in Asien umso gesicherter im Griff behalten. Frankreich musste hingegen nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass eine mögliche russische Eroberung Konstantinopels einen Ausgleich für sein eigenes Ausgreifen nach Elsass-Lothringen darstelle. Die Westmächte präsentierten noch im gleichen Jahr auf der Wirtschaftskonferenz in Paris und im Folgejahr, im Januar 1916, im Sykes-Picot-Abkommen Gegenrechnungen. Auf Ersterer drängten sie bei Plänen, die Deutschland auch noch in Friedenszeiten wirtschaftlich knebeln sollten, Russland erneut in die ungeliebte Rolle eines Rohstofflieferanten und bequemen Abnehmers von Fertiggütern. In Letzterem teilten sie den asiatischen Teil des Osmanischen Reiches untereinander auf, beließen Russland aber immerhin im Nordosten Kleinasiens ein hinreichendes Stück des Kuchens.
 
Drastische Verkleinerung der Mittelmächte?
 
Die panslawistischen Pläne des russischen Außenministers Sasonow zerschellten hingegen umgehend an divergierenden Interessen der Südslawen. Einen Appell zur Erhebung der Nationalitäten in Österreich riskierte man nicht, weil man im Glashaus saß. Doch dachte man daran, die Habsburgermonarchie auf Deutsch- Österreich, Ungarn, Böhmen und Mähren zu reduzieren. Zaghafte Ansätze, den Polen mehr Selbstverwaltung oder eine Wiedervereinigung anzubieten, nahm man rasch zurück, da Leute wie Innenminister Nikolaj Aleksejewitsch Maklakow mehr Freiheit für die Fremdvölker mit dem Ende des Imperiums gleichsetzten. Von daher war — bei Akzeptanz durch die Westmächte — eine schlichte Eroberung Deutsch- und Österreichisch-Polens angesagt. Obwohl die Begehrlichkeiten der Mittelmächte ihrerseits auch nicht gering waren, verfing daher bei den Polen die Parole von einer »Befreiung vom deutschen Joch« nicht. Die enormen Blutopfer des Krieges, eine forcierte Unterdrückung der Nationalitäten und die vorübergehende Herrschaft über Galizien, das heftige Russifizierungsversuche und die Verschleppung der ukrainischen Intelligenz erleben musste, schufen vielmehr erst voll das im 20. Jahrhundert anhaltende Problem der Unterdrückung der nichtrussischen Völker im erst zaristischen, dann sowjetischen Imperium. »Nehmt Mainz, nehmt Koblenz, geht noch weiter, wenn Ihr es für nützlich haltet«, so lautete demgegenüber die Leitidee von Nikolaus II. in Geheimverhandlungen mit Frankreich. Beide Länder waren sich einig, dass die Friedensordnung auf Kosten des Deutschen Reichs errichtet werden sollte. Die Niederhaltung eines möglichst drastisch verkleinerten Deutschlands war als Grundstock einer gemeinsamen Nachkriegspolitik gedacht. Wechselseitig stachelte man sich an, an der Grenze zu Deutschland tüchtig zuzufassen. Wie der russische Zugriff auf Ostpreußen, Posen und Schlesien nach dem erhofften Marsch über Posen und Breslau nach Berlin genau aussehen sollte, blieb unklar. Die Exzesse bei der kurzfristigen Eroberung von Teilen Ostpreußens ließen jedoch Schlimmes erwarten. Der Zar dachte in Kategorien des 19. Jahrhunderts, als vor der Bismarckzeit Russland den arbiter Germaniae (Schiedsrichter über Deutschland) gespielt hatte, und träumte von einem Zerfall Deutschlands in Einzelstaaten; 1917 dachte er daran, hierzu aktiv beizutragen. Doch das war schon ein Abgesang. Im März verkündete der Petrograder Sowjet die zündende Parole von einem »Frieden ohne Annexionen und Kontributionen«. Und nach der Oktoberrevolution erklärten die Bolschewiki die alliierten Kriegszielabkommen für ungültig und willigten am 3. März 1918 in Erwartung eines baldigen Ausbruchs einer sozialistischen Weltrevolution in den vor allem vom Deutschen Reich diktierten Frieden von Brest-Litowsk ein.
 
Annexionspläne Frankreichs und wirtschaftspolitische Forderungen Großbritanniens
 
Damit sind die Kriegsziele der Westmächte schon angeklungen; die amerikanischen Vorstellungen verdichteten sich erst unter dem Eindruck des Brest-Litowsker Friedens von 1918, als die USA apodiktisch einen grundlegenden Systemwechsel im Deutschen Reich verlangten. Zu erwähnen bleibt, dass es auch in Frankreich eine Kriegszielbewegung gab und dass sich auch die französische Nationalversammlung analog zum deutschen Reichstag relativ maßvoll zeigte. Die politische Führung legte sich auf eine Zerschlagung des preußischen Militarismus fest und stellte damit die Einheit Deutschlands infrage. Auch hier gab es historische Reminiszenzen vor allem an die napoleonische Zeit, aber auch, wenn daran gedacht war, dass Dänemark bei Schleswig oder Großbritannien bei Hannover zupacken sollte. Neu war die Idee, Österreich durch das Angebot Schlesiens und Bayerns aus der Kriegsfront herauszubrechen. Im Mittelpunkt aber stand das Interesse Frankreichs an Elsass-Lothringen sowie am Saarland, an Luxemburg und einem oder zwei linksrheinischen Protektoraten. Auch rechtsrheinische Brückenköpfe wurden gehandelt. Die bescheidenere Variante war eine rein militärische Besetzung, die drastischere eine Annexion des Rheinlandes. Bemerkenswert bleibt, dass Politiker wie Aristide Briand oder Paul Painlevé 1916/17 ernsthaft Fühler in Richtung Ausgleichsfrieden ausstreckten. Analoge Friedensvorstellungen des Premierministers Herbert Henry Asquith spielten in Großbritannien nur eine geringe Rolle. An den russisch-französischen Annexions- und Teilungsplänen beteiligte Großbritannien sich andererseits aber auch kaum, da es nicht denkbar schien, Deutschlands Führung in Mitteleuropa auf Dauer zu verhindern. Dafür war man federführend auf der Pariser Wirtschaftskonferenz engagiert, als Pläne zur wirtschafts- und handelspolitischen Niederhaltung dieses Raums nach Ende des Weltkriegs geschmiedet wurden. Zudem wollte Großbritannien ein militärisch gezähmtes Deutschland weitgehend von den Ozeanen absperren. Die Präsenz des Deutschen Reiches sollte aber vor allem in Belgien, den afrikanischen Kolonien und dem Nahen Osten mit allen Mitteln unterbunden werden.
 
Prof. Dr. Günter Wollstein
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Weltkrieg, Erster: Die militärische Dimension des Krieges
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Weltkrieg, Erster: Julikrise und Kriegsausbruch 1914
 
 
Epkenhans, Michael: Neuere Forschungen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges, in: Archiv für Sozialgeschichte, Band 38. Bonn 1998.
 
Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, herausgegeben von Wolfgang Michalka. München u. a. 1994.
 Feldman, Gerald D.: Armee, Industrie und Arbeiterschaft in Deutschland 1914 bis 1918. Aus dem Englischen. Berlin u. a. 1985.
 Ferro, Marc: Der große Krieg. 1914-1918. Aus dem Französischen. Frankfurt am Main 1988.
 
Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918, herausgegeben von Wolfgang Kruse. Beiträge von Christoph Cornelißen u. a. Frankfurt am Main 1997.
 Winter, Jay / Baggett, Blaine: The Great War and the shaping of the 20th century. London u. a. 1996.

Universal-Lexikon. 2012.

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